Kreismuseum Bad Liebenwerda Dauerausstellungen Das Schwarz-Elster-Land - Wiege des sächsischen Wandermarionettentheaters Das Schwarze-Elster-Land, nördlich der Großenhainer Pflege gelegen, gehörte bis zum Wiener Kongress 1815 zum Königreich Sachsen. Bis in die Gegenwart bewahrte man sprachlich und volkskundlich sächsische Tradition. Mit der Anlage von Poststraßen durch die Wettiner um 1735 und den Bau des Floßkanals 1748 wurde die zwischen den unbedeutenden Ackerbürgerstädtchen Elsterwerda und Liebenwerda gelegene Region wirtschaftlich erschlossen. Zahlreiche Wandergewerke und Händler machten hier auf ihrem Weg zwischen Dresden und Berlin Station. Die Hohenleipischer Töpfer schlossen sich ihnen mit beladenem "Schibbock" bzw. Planwagen an. Ihr bekanntes "Grauzeug" fand Absatz in ganz Mitteldeutschland. Auf diesen Straßen zog auch ein gänzlich anderes Gewerbe: Marionettenspieler versuchten, ihr "Geschäft" in den Kleinstädten und Dörfern anzubieten. Sie brachten ein Stück Welt in ihre Auftrittsorte. Es ist ein Phänomen, daß ein Teil dieser Marionettenspieler sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Kraupa, Zobersdorf und Saathain ansiedelte. Fortan reisten sie von Frühjahr bis Herbst in die Lausitz und Schlesien, nach dem Erzgebirge und in das Gebiet um Halle/Leipzig. In den Wintermonaten arbeitete ein Teil der Marionettenspieler auf den Vorwerken der Gutshöfe oder nahm sich der hiesigen Korbflechterei an. So gelangten sie zu einem Nebenverdienst. Wir finden die "Comödianten und Marionettenspieler" in den alten Steuerverzeichnessen neben den eher unbemittelten Einwohnern, den zahllosen Schustern und Schreinern sowie den zu herrschaftlichen Diensten verpflichteten Gärtnern und Häuslern. "Die Puppenrichters kommen" riefen die Kinder nicht nur, wenn die Puppenspielerfamilie Richter kam, sondern auch, wenn die Billes, Gierholds, Hänels, Winklers und Gaßmanns im Dorf halt machten. Der Gasthof war für alle Puppenspieler der Auftrittsort. Sein vom Tanz allen bekannter Saal wurde für kurze Zeit jene Stätte, wo die Marionettenspieler ihre prachtvolle barockisierende Bühne aufbauten. Zum rührseligen Drama am Abend kamen sowohl die Familien der Bauern, der Handwerker, des Rittergutsbesitzers, die Mägde und Knechte. Die Damen wischten sich verstohlen die Tränen ab, wenn die weiße Hirschkuh durch die Kulisse lugte und Siegfried seine Genoveva nach Jahren der unsäglichen Trennung wieder in seine Arme nahm. Die Herren rissen sich zusammen und erwarteten das heitere Nachspiel der Varietè - Marionetten. Der Knecht schaute zum Mädel herüber und freute sich auf den anschließenden Tanz. Die Marionettenspieler waren die "Kulturbringer" im ländlichen Alltag. Ihre Aufführungen ließen den Gasthof zu einem Treffpunkt der Stände und Generationen werden. Die Einwohner erfuhren Neuigkeiten und der Wirt freute sich über einen guten Umsatz. Kirche und Gemeindevorsteher beobachteten das Treiben mit Argwohn, denn wie in allen Gewerken gab es auch unter den Marionettenspielern "schwarze Schafe". Bei aller Tragik, immer wieder war es der Kaspar, der in seiner Rolle als Bediensteter, als kleiner Mann für Lachsalven sorgte und so die hohe Moral mit dem Irdischen verband. Liebenwerda - eine letzte Heimstatt des traditionellen Marionettentheaters Eine Familie, deren Geschichte seit dem späten 18. Jahrhundert eng mit dem Schwarz-Elster-Land verbunden ist, ist die Familie Gierhold. Ihre Geschichte ist die einer Liebenwerdaer Schuhmacherfamilie. Aus den Archiv- und Innungsunterlagen erschließt sich jedoch, daß der Schustergeselle Friedrich Karl Gierhold 1845 die Jungfrau Johanne Christiane Richter, Tochter eines Saathainer Marionettenspielers ehelichte. Fortan verdienten sich die Gierholds ihr Brot einerseits als Komödianten, insbesondere als Handpuppen- und Marionettenspieler, andererseits als Pantoffelhersteller, Scheren- und Messerschleifer, Wahrsager und heutigentags als Schausteller. Ihr reicher Kindersegen führte dazu, daß sie sich über Generationen hinweg mit anderen bekannten Marionettenspielerfamilien verbanden und so ihr Theater bis in die Gegenwart Bestand hatte. Einer weiteren bekannten Marionettenspielerfamilie entstammt der Liebenwerdaer "Schausteller und Harfenist" Anton Richter (1854-1924). Mit ihm erlebte das Puppenspiel im Schwarz-Elter-Land seinen Höhepunkt. Kinder und Kindeskinder heirateten in andere Regionen bzw. zogen in den fünfziger Jahren nach Westdeutschland. Karl Gierhold, ebenfalls mit Richters verwandt, beherrschte all die oben genannten Tätigkeiten. Es war sein Wunsch, daß nach gut 150 Jahren die Marionetten seines Großvaters Friedrich Eduard Gierhold und Teile seiner eigenen Sammlung den Weg nach Liebenwerda und im dortigen Museum eine dauernde Heimstatt finden. Karl Gierhold und Harry Hänel Die Wege dieser beiden Marionettenspieler sind typisch für das reisende Volkstheater. Sie spielten zusammen auf Teilung und sie hatten ihre eigenen Bühnen. Karl Gierhold (1930 -1997) reiste mit seiner ersten Frau Klara Richter und seinen Wagen bis in die sechziger Jahre Puppen spielend von Dorf zu Dorf. Nach 1970 reiste er gemeinsam mit seiner zweiten Frau Hannelore Belitz überwiegend mit Fahrgeschäften auf Rummelplätze. Das Handpuppen- und Marionettenspiel gab er jedoch nie ganz auf. Die Wohn- und Packwagen seines Freundes Harry rollen ebenfalls nicht mehr über die Landstraßen. Harry Hänel (*1928) spielt heute überwiegend in den Kindergärten von Torgau und Umgebung. Beide bewahrten sich in Zeiten sozialistischer Kulturpolitik ihr Repertoire. Das war nicht leicht, denn die Wandermarionettentheater waren private Kulturunternehmen. Sie mußten jährlich eine bezirkliche Lizenz erwerben. Der Erhalt dieser setzte die Aufführung zeitgenössischer, der offiziellen Kulturpolitik entsprechenden Stücke voraus. Dem entsprachen nicht die beliebten Ritter-, Räuber- und Historiendramen. Deshalb spielten sie "vor der Kommission" zumeist Märchen. Erst Ende der sechziger Jahre erfolgte eine Neubewertung ihrer theaterhistorisch wichtigen Spielweise, die sie über Generationen bewahrten. Wenn heute die Familien Hänel, Kressig-Dombrowsky und Pandel im Schwarz-Elter-Land auftreten, so bereichern sie mit ihrem Spiel unsere Dauerausstellung "Von der Schusterahle zum Marionettenzwirn".
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